Glob créatif de Barthélémy Schwartz

Das Leben verändern », ?Die Welt umwandeln?: Die zwei ?Probleme? des Surrealismus

Die surrealistische Konzeption der Beziehungen zwischen Kunst und Politik wurden 1935 von André Breton in ?Position politique du surréalisme? formuliert. Sie war anlaeszlich der Versuche gemeinsamen Handelns der Surrealisten mit der Kommunistischen Partei erarbeitet worden, und zwar in Absicht eine Moeglichkeit zu finden, mit der KP im kulturellen Bereich und im alltaeglichen Leben zu wirken. Sich ueber den Charakter der Partei hinwegtaeuschend, warfen die Surrealisten die Frage nach Kunst und Politik auf, jenseits der autoritaeren Grenzen der Kommunisten (der Intellektuelle als Spezialist im Dienste der Partei, etc.). Die ?politischen Positionen des Surrealismus? waren so denn in erster Ansaetze, um die KP zum Respekt ihrer kuenstlerischen Autonomie zu draengen, selbstverstaendlich ohne dabei zu vergessen, dasz die surrealistische Weltanschauung nicht mit den politischen Positionen der Partei ueberein gingen. Das Leben zu veraendern (die poetische Erklaerung der Welt) und die Welt umzuwandeln (der soziale Akt), das wurden also die zwei ?Probleme? des Surrealismus, gleichwohl es am Anfang [der Bewegung] die erklaerte Absicht war, die surrealistische Revolution der Welt umzusetzen. Die Surrealisten gingen mit diesen ?Problemen? aber anders um: den Surrealisten der kulturelle Bereich, den Militanten der gesellschaftliche Akt, einE jedeR in Autonomie handelnd, in dem Bereich seiner speziellen Kompetenz. Das war der einzige Weg, die Forderungen des Surrealismus mit denen der KP in Einklang zu bringen.

Zwar brachen die Surrealisten mit der stalinistischen Partei 1935, doch ihre Konzeption von den Beziehungen zwischen Kunst und Politik, die sich auf die Teilung der Kompetenzbereiche unter Spezialisten gründet, bleibt für die Gruppe im folgenden gueltig. Sie war von entscheidender Bedeutung bei der Redaktion des ?Manifests fuer eine unabhaengige revolutionaere Kunst? von Breton und Trotzki (1938). Sie war ebenso bedeutend als die Surrealisten nach der Befreiung [vom Faschismus] in den 1950er Jahren Kontakt zur Fédération anarchiste (der Gruppe Fontenis [1]) aufnahmen, um an der Zeitschrift ?Le Libertaire? mitzuwirken; als sie in den 1960er Jahren, nach dem Tode Bretons, die Reise nach Kuba unternahmen (1967); und als sich in den 1970ern die surrealistische Gruppe um Vincent Bounoure, immer noch die selben Ideen des gemeinsamen Handelns vertretend, mit den Trotzkisten zusammen tat. Obwohl sie im Bereich der Kunst libertaere Ideen ueber alles schaetzten, waren die Surrealisten in der Politik von autoritaeren Konzeptionen der gesellschaftlichen Kritik angezogen: von den Bolschewisten (Kommunisten und Trotzkisten) auf der einen Seite, von anarchistischen Partisanen einer autoritaeren Anlegung der Organisation (die Gruppe Fontenis) auf der anderen.

Nichts zeigt diese quasi magnetische Affektion der Surrealisten besser auf, als die Geschichte der Selbstaufloesung der Gruppe seit 1969. Alain Joubert, Surrealist von 1954 bis 1969, zeigt in seinem Buch ?Le mouvement des surréalistes ou le fin mot de l?histoire? (2) wie die surrealistische Gruppe – dazu angehalten von Jean Schuster und einigen anderen – in den 60ern an der groszen Parade zugunsten des verjuengten Staatskapitalismus (Algerien, Kuba, Vietnam, etc.) teilgenommen hat. Er zeigt auch das tiefe Desinteresse des Groszteils der Surrealisten fuer politische Fragen.

Schlieszlich macht er klar, wie eine Minderheit innerhalb der Gruppe, Benjamin Péret nahe stehend wie auch dem Staatskapitalismus, staendig zum Ziel hatte, einen Konflikt zu schueren, um endlich – 1967 dann, mit buerokratischen und autoritaeren Mitteln – den Libertaeren Jehan Mayoux auszuschlieszen.

Mensch hoert oft sagen, der Mai 68 sei von surrealistischen Gedanken inspiriert. Was Alain Joubert bezeugt ist, dasz es des Mai 68 bedurfte, um innerhalb der Gruppe dem buerokratischen Formalismus den Gar auszumachen und die gemeinschaftliche Diskussion, die bis zum Tode Bretons an der Tagesordnung war, wieder aufleben zu lassen.

?All die ?Programme des Uebergangs? der spezialisierten Politik,? schreibt Joubert, ?muessen zureuck gewiesen und die permanente Subversion des alltaeglichen Lebens musz ausgerufen werden. Dieser letzte Satz umfaszt in etwa das, was die situationistischen Texte Mitte der 60er formulierten. Aber ist es nicht so, dasz dies zu hundert Prozent mit dem uebereinstimmt, was der Surrealismus auf politischem Niveau zu diesem Zeitpunkt ausdruecken musz ? Sprechen wir Klartext: die Rolle des Surrealismus war und ist es, die Hoffnung voranzutragen, wie auch die Poesie, und eben nicht die leeren Koffer biederer Revolutionen.? (S. 219) Aber die groszzuegige surrealistische Utopie, die Joubert mit seinen Freunden verteidigte, konnte (in der letzten Periode) nie ins Herz der Gruppe dringen … sie war im Gegenteil der Grund der tragikomischen Selbstaufloesung der franzoesischen surrealistischen Gruppe 1969, die als Farce das beendete, was zuvor das permanente Drama des Surealismus gewesen war.

Barthélémy Schwartz
2002

in: Le Monde libertaire, Nr. 1276, 11. April 2002

Written by barthelemybs

15 juin 2015 à 17:50

Publié dans Traduits quelque part

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